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15.10.2015 - Neubau Freier KinderGarten Riesenklein
Die Riesenklein gGmbH besteht aus einer Krippe, einem Kindergarten, einer Grundschule und einer Gesamtschule. Riesenklein wächst! Eine Arbeitsgruppe, die sich aus Pädagogen und Eltern zusammensetzt hat einen aktuellen Platzbedarf von ca. 100m² für den Kindergarten ermittelt. Da das Grundstück ausreichend Platz bietet, entstand die Idee eines kleinen Anbaus. Aber spätestens in drei Jahren steht ein großer Umzug des gesamten Riesenklein in ein neues Haus an.
Daraus ergibt sich die Frage, wie baut man bei einer geplanten Nutzungsdauer von 3 Jahren? Ein klassischer Hochbau scheidet aus, da dieser sich erst mit einer Nutzungsdauer von 60 Jahren rentiert. Wie kann eine sinnvolle, ökonomische, ökologische und nachhaltige temporärere Nutzung aussehen? Wie wird mit Ressourcen umgegangen? Wie ist das Gebäude konstruiert, welche Materialien werden verwendet? Was passiert mit dem Gebäude nach Ablauf der Nutzungsdauer?

Die Auseinandersetzung mit temporären Bauten führte schnell zu modularen Raumlösungen. Mittlerweile gibt es Anbieter die Containermodule für Kindergärten und Schulen anbieten. Aber entsprechen die den Nutzungsbedürfnissen des Kindergartens? Was kostet die und wie sehen die aus?

Eine kleine Studie und Diskussionen mit dem Riesenklein Team hatten das Ergebnis, dass der Kauf und Ausbau von Hochseecontainern den Ansprüchen, Ideen und Träumen der Riesenkleinen gerechter wird und man zusätzlich die zukünftigen Nutzer an diesem Prozess teilhaben lassen kann.

In einem Workshop an dem das Kindergarten Team und die Architekten teilnahmen wurden die Rahmenbedingungen diskutiert und partizipativ vereinbart. Über mehrere Wochen arbeitete ein Schüler der Gesamtschule während seines Praktikums mit den Architekten am Entwurf. Gemeinsam mit Team, Kindern und Architekten wurden die Raumlösungen, Nischen, Materialien und Medien besprochen und festgelegt.

Ein Modell der des zukünftigen Gebäudes aus Hochseecontainern hielt Einzug in den Kindergartenalltag. Es stand auf dem Tisch, wurde bestaunt und die Grundrisse wurden überzeichnet und ergänzt. Themenbezogene Spielaufgaben im Kindergarten führen die Kinder an die bevorstehende Veränderung heran. In leeren Grundrissen verorten die Kinder die für sie wichtigsten Dinge des Kindergartenaltages, gestalten die Bereiche unterschiedlich farbig und nehmen mit Flatterband und Matratze den Aufstellungsort der Container schon mal in Beschlag und markieren die vorher verorteten Raumfunktionen bildlich. Somit gestaltete sich der Prozess partizipativ. Geplant ist auch die Umsetzung durch Elternarbeit zu unterstützen.

Entstanden ist in gemeinsamer Arbeit ein Ensemble, das aus vier Hochseecontainern besteht, die eine Nutzfläche von 106m² schaffen. Die Container sind aneinandergekoppelt und zueinander versetzt positioniert. Die Zwischenräume werden ausgebaut. Nicht nur im Inneren werden Räume definiert, auch der Außenraum erhält mit den Containern eine wirksame räumliche Modellierung. Ein direkter landschaftlicher Bezug von Innen nach Außen entsteht durch die eingeschossige Bauweise  und ebenerdige Orientierung.

Der so konzipierte Raum bietet abgeschlossene Bereiche, Nischen und Durchgänge die den verschiedenen Ansprüchen der Tagesgestaltung in der Einrichtung und den Bedürfnissen der Kinder entsprechen. Die bauliche Erweiterung wird über einen direkten Zugang mit dem Haupthaus verbunden. Dadurch kann eine Nutzungsübergreifenden Bespielung der Containerräume mit den Bestandsräumen garantiert werden.

Bald ist es soweit. Die Hochseecontainer werden unter den staunenden Augen der Schul- und Kindergartenkinder per Kran auf ihren Platz gehoben. Aus den ehemaligen Hochseecontainern werden je nach Raumfunktion Wand- und Deckenteile für Tür- und Fensteröffnungen herausgetrennt. Die Außenhülle aus Cortenstahl schützt die gesamte Konstruktion zuverlässig.

Der Ausbau ist einfach gestaltet. Die Hochseecontainer werden mit einer gedämmten Holzständerkonstruktion ausgebaut und erhalten natürliche Oberflächen aus Holz. Flexibel wird im Vorfeld und in der Bauphase auf mögliche Materialspenden reagiert. Gebrauchte Fenster und Türen können jederzeit eingebaut werden. Es entsteht eine lebendiger Raum. Alle Materialen und Stoffe werden reversibel verbaut, sodass eine mögliche Umnutzung oder der Rückbau unkompliziert möglich ist. Die verbauten Materialein können sauber getrennt und recycelt werden.

Wichtiger ist aber die Ideen einer Nachnutzung der Container. Nach dem geplanten Einsatz von drei Jahren werden die Container einen neuen Standort erhalten. Bereits jetzt wird der Umbau der Hochseecontainer mitkonzipiert. Die konstruktive und räumliche Verbindung der einzelnen Container erfolgt über Zwischenbereiche, sogenannte Schleusen, die separat in allen Konstruktionsebenen demontierbar sind ohne die Innenraumkonstruktion der Container zu beeinträchtigen. Es werden baulich Stellen definiert, die eine einfache Demontage der Zwischenräume möglich machen und einen unkomplizierten Wiederaufbau an einem neuen Standort ermöglichen. Das schließt die Elektroanschlüsse und Verkabelungen ein. Mit dem Ausbau der Container wird unmittelbar die Nachnutzung der Container berücksichtigt. Somit ist es möglich die Container zu transportieren und an weiteren Orten aufzustellen.

Die notwendigen Dämmwerte, vorgegeben durch die Energieeinsparverordnung 2014 werden eingehalten. Der hohe Dämmstandard war angestrebt, um mit einer einfachen elektrischen Heizung optimale Verbrauchswerte zu erreichen. Nur so ist eine sinnvolle Balance zwischen ökonomisch sinnvollem und ökologisch angestrebtem herzustellen.

Geplant ist die bisherige Reise der Hochseecontainer auf einer großen Karte festzuhalten. Diese soll den verschlungenen Weg der Hochseecontainer als zukünftiges Riesenkleinhaus nach Halle erzählen. Wer kann schon behaupten, dass das Haus in dem er wohnt schon um die Welt gekommen ist?